Wie häufig ist Spinnenphobie wirklich? Ein kritischer Blick auf die Zahlen
Wer zum Thema Spinnenphobie recherchiert, findet schnell beeindruckende Zahlen. Mal ist von einem bis fünf Prozent die Rede, mal von fünf, mal von zehn, mal sogar von 30 Prozent. Auch ich habe solche Zahlen lange einfach übernommen. Irgendwann wollte ich aber wissen: Woher kommen sie eigentlich?
Das Ergebnis meiner Recherche hat mich überrascht.
Die Zahlen, die überall kursieren
Ich habe mir einige der bekanntesten deutschsprachigen Quellen genauer angesehen:
- Der Spiegel (2013) schreibt, dass sich grob geschätzt 30 % der Frauen und 20 % der Männer vor Spinnen fürchten oder sie eklig finden. Eine Quelle für diese Schätzung wird nicht genannt.
- Die Max-Planck-Gesellschaft (2017) nennt ein bis fünf Prozent der Menschen in Industrienationen, die eine echte Phobie vor Spinnen oder Schlangen haben. Auch hier fehlt ein Beleg. Die Pressemitteilung stellt eigentlich eine ganz andere Studie vor: Schon Babys reagieren auf Bilder von Spinnen mit Stress.
- esanum (2019) zitiert einen Angstforscher der Universität Mannheim: Rund zehn Prozent der Menschen hätten einmal im Leben eine Tierphobie, die Spinnenphobie sei davon die größte Gruppe. Eine Studie dazu wird nicht genannt.
- Das AOK-Magazin (2023) spricht von schätzungsweise fünf Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Unter dem Artikel steht zwar ein Quellenverzeichnis, aber welche Quelle diese Zahl belegen soll, lässt sich nicht nachvollziehen.
Die Spanne reicht also von einem bis 30 Prozent. Keine dieser Zahlen ist mit einer Studie belegt.
Das ist kein Vorwurf an die Autorinnen und Autoren. Es zeigt aber ein typisches Problem: Zahlen werden von Artikel zu Artikel weitergereicht, bis niemand mehr weiß, woher sie ursprünglich stammen.
Was Studien tatsächlich gemessen haben
Dabei gibt es durchaus seriöse Forschung. Man muss nur genau hinsehen, was jeweils gemessen wurde.
Studien speziell zur Spinnenphobie gibt es international nur sehr wenige und keine für Deutschland. Je nach Land und Methode kommen sie auf 2,7 bis 9,5 % der Menschen. Untersucht wurde unter anderem in Schweden, Ungarn und den Niederlanden. In der niederländischen Studie mit knapp 2.000 Erwachsenen erfüllten 2,7 % die Kriterien einer Spinnenphobie.
Studien zu allen spezifischen Phobien zusammen (also auch Höhenangst, Flugangst oder Spritzenangst):
- Die WHO-Studie mit fast 125.000 Befragten in 22 Ländern fand bei 7,4 % der Menschen irgendwann im Leben eine spezifische Phobie, bei Frauen doppelt so häufig wie bei Männern (9,8 % zu 4,9 %).
- Für Deutschland ergab die große Bevölkerungsstudie DEGS1-MH, dass innerhalb eines Jahres rund 10 % der Erwachsenen betroffen sind – Frauen mit 15,5 % etwa dreimal so häufig wie Männer mit 5,1 %.
Tierphobien: Eine Studie mit über 2.000 jungen Frauen aus Dresden fand bei 5,0 % eine Tierphobie. Sie war damit die häufigste Form der spezifischen Phobie. Spinnen wurden dort aber nicht gesondert erfasst.
Angst ist nicht Phobie: Bei einer Online-Umfrage 2016 gaben rund 28 % der Deutschen an, dass ihnen Spinnen oder Käfer Angst machen. Das ist ein Vielfaches der Phobie-Zahlen – und zeigt, wie wichtig der Unterschied ist.
Warum die Zahlen so weit auseinandergehen
Wenn Zahlen zwischen einem und 30 Prozent schwanken, liegt das selten an den Spinnen. Meist wird schlicht Unterschiedliches gemessen:
- Angst oder Ekel vs. Phobie: Sich vor Spinnen zu ekeln ist weit verbreitet. Eine Phobie geht mit deutlichen Symptomen einher und ist deutlich seltener.
- Fragebogen vs. Diagnose: Manche Studien nutzen Fragebögen mit Grenzwerten, andere klinische Interviews nach festen Diagnosekriterien.
- Zeitraum: „Irgendwann im Leben“ ergibt höhere Werte als „in den letzten zwölf Monaten“.
- Wer befragt wurde: Junge Frauen in Dresden sind nur eine ganz umschriebene Gruppe und sind nicht die Gesamtbevölkerung der Niederlande vergleichbar
Spinnenangst ist nicht gleich Spinnenphobie
Spinnenangst
- Du erschrickst, wenn plötzlich eine Spinne auftaucht, und fühlst dich unwohl.
- Du bittest vielleicht lieber jemand anderen, sie wegzubringen.
- Nach kurzer Zeit ist die Situation für dich erledigt.
- Dein Alltag ist dadurch nicht, oder nur wenig eingeschränkt.
Spinnenphobie (Arachnophobie)
- Die Angst ist übermäßig stark und steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr – heimische Spinnen sind für Menschen harmlos.
- Sie tritt sofort und zuverlässig auf, oft bereits bei einem Foto oder dem Gedanken an eine Spinne.
- Körperliche Reaktionen wie Herzrasen, Schwitzen, Zittern oder Panik sind typisch.
- Betroffene vermeiden Situationen: Keller, Dachboden oder Gartenhaus werden gemieden, Zimmer werden vor dem Schlafen abgesucht.
- Die Angst besteht seit mindestens sechs Monaten und belastet spürbar oder schränkt den Alltag ein.
Medizinisch gehört die Spinnenphobie zu den spezifischen Phobien (ICD-10: F40.2). Die gute Nachricht: Sie lässt sich mit einer Expositionstherapie behandeln.
Mein Fazit
Die ehrlichste Antwort auf die Frage „Wie viele Menschen haben eine Spinnenphobie?“ lautet: Je nach Studie zwischen knapp 3 und knapp 10 Prozent – für Deutschland weiß es niemand genau. Die häufig zitierten „5 %“ liegen in diesem Bereich, sind aber eine Schätzung und keine Messung. Und wer von 20 oder 30 Prozent liest, liest meist etwas über Angst und Ekel, nicht über eine Phobie.
Warum mir das wichtig ist
Als Hersteller eines Spinnenfängers könnte es mir eigentlich egal sein, welche Zahl im Umlauf ist und wo sie eigentlich herkommt. Ich wollte es aber genau wissen, um wissenschaftlich zuverlässige Daten zu bekommen und eine wissenschaftlich fundierte Diskussionsgrundlage zu haben. Interessant fand ich, dass renommierte Institutionen oder Magazine zwar Daten veröffentlichen, ohne dabei jedoch irgendwelche Quellen zu nennen (was wissenschaftlich korrekt wäre). Persönlich halte ich eine Zahl von ca. 4% für realistisch - aber das ist auch eine Schätzung und, wie bereits beschrieben, nicht wissenschaftlich validiert.
Ob du eine echte Phobie hast oder dich „nur“ vor Spinnen ekelst oder gruselst: Beides ist sehr belastend. Wenn die Angst dein Leben einschränkt, kann professionelle Hilfe dich unterstützen – einen ersten Termin vermittelt die Terminservicestelle unter 116117. Aus Gesprächen mit Betroffenen weiss ich aber auch, dass dieses für Sie keine Option darstellt. Bis zum Thearpieerfolg gilt: Wenn die Spinne an der Wand sitzt, hilft dir Spivex.
Was im Moment hilft, wenn eine Spinne auftaucht, und wie du zu einem Termin kommst, steht in Was tun gegen Spinnenangst?
Christian Lang, Arzt und Gründer der Spivex GmbH · Oktober 2026
Quellen
Artikel und Pressemitteilungen
- Der Spiegel (9.10.2013): Insektenkundler mit Spinnenphobie: Acht Beine sind zwei zu viel
- Max-Planck-Gesellschaft (2017): Angst vor Schlangen und Spinnen ist angeboren
- esanum (29.10.2019): Folgen der Arachnophobie im Alltag
- AOK-Magazin (2023): Warum haben Menschen Angst vor Spinnen?
Studien und Umfragen
- Fredrikson, M., Annas, P., Fischer, H. & Wik, G. (1996): Gender and age differences in the prevalence of specific fears and phobias. Behaviour Research and Therapy, 34, 33–39.
- Becker, E. S. et al. (2007): Epidemiology of specific phobia subtypes: Findings from the Dresden Mental Health Study. European Psychiatry, 22(2), 69–74. Abstract
- Oosterink, F. M. D. et al. (2009): Prevalence of dental fear and phobia relative to other fear and phobia subtypes. European Journal of Oral Sciences, 117(2), 135–143. Abstract
- Jacobi, F. et al. (2014): Psychische Störungen in der Allgemeinbevölkerung (DEGS1-MH). Der Nervenarzt, 85, 77–87. PDF
- Wardenaar, K. J. et al. (2017): The cross-national epidemiology of specific phobia in the World Mental Health Surveys. Psychological Medicine, 47(10), 1744–1760. Abstract
- Zsido, A. N. (2017): The spider and the snake – A psychometric study of two phobias and insights from the Hungarian validation. Psychiatry Research, 257, 61–66.
- Frontiers in Psychology (2024): Übersichtsartikel mit Prävalenzspanne 2,7–9,5 %
- Statista (2016): Umfrage zur Angst vor Tieren in Deutschland (1.000 Befragte ab 18 Jahren, online)
Dieser Beitrag wurde verfasst von
ChristianErfinder von Spivex


