Spinnenphobie: Was die Wissenschaft über die Angst vor Spinnen weiß

Figur mit Angst vor Spinne an der Wand


· @Christian

Spinnenphobie, in der Fachsprache Arachnophobie, ist eine der häufigsten Angststörungen überhaupt. Sie gehört zu den sogenannten spezifischen Phobien: einer übermäßigen, anhaltenden Angst vor einem ganz bestimmten Objekt oder einer Situation.

Viele Menschen finden Spinnen unangenehm. Von einer Phobie sprechen Fachleute aber erst, wenn die Angst deutlich stärker ist, als es die tatsächliche Gefahr rechtfertigt, und wenn sie das Leben spürbar einschränkt. Dieser Artikel fasst zusammen, was die Forschung über Häufigkeit, Ursachen und Behandlung weiß.

Wie häufig ist Spinnenphobie?

Spezifische Phobien gehören zu den häufigsten psychischen Störungen. In den Weltgesundheitsumfragen der WHO mit Daten aus vielen Ländern hatten 7,4 % der Befragten irgendwann im Leben eine spezifische Phobie, 5,5 % in den letzten zwölf Monaten [1].

Tierphobien sind dabei die größte Gruppe. In der Dresdner Studie zur psychischen Gesundheit mit 2.064 jungen Frauen betraf die Tierphobie 5,0 % – mehr als jede andere Form [2]. Für die Spinnenphobie allein nennen Studien je nach Land und Methode Häufigkeiten zwischen 2,7 % und 9,5 % [3].

Frauen sind etwa doppelt so oft betroffen wie Männer: 9,8 % gegenüber 4,9 % bei spezifischen Phobien insgesamt [1]. Die Angst beginnt meist früh, im Mittel mit etwa 8 Jahren [1]. Trotzdem wurde von den Betroffenen der letzten zwölf Monate nur knapp ein Viertel behandelt (23,1 %) [1].

Woran erkennt man eine Spinnenphobie?

Bei einer Phobie reagiert der Körper auf eine Spinne, als wäre sie eine echte Bedrohung. Typisch sind Herzrasen, Schwitzen, Zittern, Atemnot oder der starke Drang zu flüchten. Oft reicht schon ein Foto oder der Gedanke daran.

Fachleute stellen die Diagnose nach festen Kriterien. Laut MSD Manual liegt eine spezifische Phobie vor, wenn die Angst [4]:

  • sich auf ein bestimmtes Objekt bezieht, hier Spinnen,
  • sofort bei der Begegnung auftritt,
  • in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Gefahr steht,
  • zu Vermeidung führt, etwa Keller oder Gartenarbeit meiden,
  • deutlichen Leidensdruck oder Einschränkungen im Alltag verursacht,
  • seit mindestens sechs Monaten besteht.

Wer sich vor Spinnen ekelt, sie aber mit einem Glas aus dem Zimmer bringen kann, hat also in der Regel keine Phobie. Wer dagegen nachts nicht mehr schlafen kann, weil irgendwo eine Spinne sein könnte, bei dem handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Phobie.

Woher kommt die Angst vor Spinnen?

Es gibt nicht die eine Ursache. Die Forschung zeigt mehrere Faktoren, die zusammenwirken.

Eine angeborene Wachsamkeit. Forschende der Universität Wien und des Max-Planck-Instituts in Leipzig zeigten sechs Monate alten Babys Bilder von Spinnen und Schlangen sowie von Blumen und Fischen in ähnlicher Größe und Farbe. Bei Spinnen und Schlangen weiteten sich die Pupillen der Babys deutlich stärker – ein Zeichen für eine Stressreaktion [5]. In diesem Alter können die Kinder die Angst kaum gelernt haben. Die Forschenden vermuten deshalb, dass uns eine Aufmerksamkeit für diese Tiere seit der Frühzeit der Menschheit mitgegeben ist. Aus dieser Grundbereitschaft wird aber längst nicht bei jedem eine Phobie.

Lernen und Vorbilder. Ob aus der Wachsamkeit eine Angst wird, hängt stark von Erfahrungen ab. Kinder beobachten, wie Eltern und andere auf Spinnen reagieren. Wer erlebt, dass ein Elternteil beim Anblick einer Spinne schreit, lernt: Spinnen sind gefährlich.

Ekel. Bei der Spinnenphobie spielt nicht nur Angst, sondern auch Ekel eine große Rolle. Eine Studie fand, dass die Ekelempfindlichkeit einen großen Teil erklärt, warum Frauen häufiger eine Spinnenphobie haben als Männer – unabhängig von allgemeiner Ängstlichkeit [6].

Verzerrte Wahrnehmung. Angst verändert, wie wir Spinnen sehen. In einer Studie der Ohio State University schätzten Menschen mit Spinnenphobie echte Spinnen umso größer ein, je mehr Angst sie hatten [7]. Der Titel der Studie bringt es auf den Punkt: „It was as big as my head, I swear!“ – „Sie war so groß wie mein Kopf, ich schwöre!“. Diese Verzerrung kann die Angst zusätzlich aufrechterhalten.

Die gute Nachricht: Spinnenphobie ist sehr gut behandelbar

Kaum eine Angststörung lässt sich so erfolgreich behandeln wie die Spinnenphobie. Die Methode der Wahl ist die Konfrontations- oder Expositionstherapie. Dabei nähert man sich gemeinsam mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten Schritt für Schritt der Spinne an: erst Bilder, dann eine Spinne im Glas, später vielleicht auf der Hand. Der Körper lernt dabei, dass die erwartete Katastrophe ausbleibt. Laut MSD Manual hilft eine Konfrontationstherapie mehr als 90 % der Betroffenen, die sie konsequent durchführen [4].

Eine einzige Sitzung kann reichen. Der schwedische Psychologe Lars-Göran Öst entwickelte eine Kurzzeittherapie, die nur aus einer etwa dreistündigen Sitzung besteht. In einer seiner Studien waren nach dieser einen Sitzung in Kleingruppen 82 % der Teilnehmenden klinisch deutlich gebessert. Ein Jahr später waren es sogar 95 % [8].

Virtuelle Realität als Alternative. Für Menschen, denen schon der Gedanke an eine echte Spinne zu viel ist, wird die Konfrontation mit einer VR-Brille erforscht. In einer schwedischen Studie mit 100 Teilnehmenden wirkte eine automatisierte VR-Therapie direkt nach der Behandlung zwar etwas schwächer als die klassische Sitzung mit echten Spinnen. Nach drei und zwölf Monaten war sie aber nicht schlechter [9].

Medikamente spielen bei der Spinnenphobie dagegen kaum eine Rolle, da sie weniger wirksam sind als die Konfrontationstherapie [4].

Wie du Hilfe findest

Wenn die Angst deinen Alltag einschränkt, lohnt sich professionelle Hilfe. In Deutschland kannst du ohne Überweisung eine psychotherapeutische Sprechstunde besuchen. Einen Termin vermittelt die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung unter 116117 oder auf 116117.de. Auch deine Hausarzt-Praxis ist eine gute erste Anlaufstelle.

Für den Alltag kann es außerdem helfen:

  • Wissen aufbauen: Die Spinnen in deutschen Wohnungen sind für Menschen harmlos. Dieses Wissen allein heilt keine Phobie, kann aber die Angst etwas mildern.
  • Ruhig atmen: Langsames Ausatmen beruhigt den Körper in akuten Momenten.
  • Vermeidung nicht ausweiten: Je mehr Orte man meidet, desto größer wird die Angst meist.

Und für den akuten Moment? Bis eine Therapie wirkt, steht die Spinne trotzdem manchmal an der Wand. Dafür haben wir Spivex entwickelt: einen Staubsauger-Aufsatz, mit dem du eine Spinne aus sicherer Entfernung selbst entfernen kannst, ohne Hilfe von anderen. Spivex ersetzt keine Therapie, kann dir aber im Alltag ein Stück Kontrolle zurückgeben.

Mehr zum Thema findest du auf unserer Seite Spinnenphobie und im Artikel Warum kommen im Herbst so viele Spinnen ins Haus?

Quellen

  1. Wardenaar, K. J. et al. (2017). The cross-national epidemiology of specific phobia in the World Mental Health Surveys. Psychological Medicine, 47(10), 1744–1760.
  2. Becker, E. S., Rinck, M., Türke, V. et al. (2007). Epidemiology of specific phobia subtypes: Findings from the Dresden Mental Health Study. European Psychiatry, 22(2), 69–74.
  3. Karner, A., Zhang, M., Lor, C. S. et al. (2024). The „SpiDa“ dataset: self-report questionnaires and ratings of spider images from spider-fearful individuals. Frontiers in Psychology, 15, 1327367.
  4. Barnhill, J. W. (2023). Spezifische Phobien. MSD Manual, Ausgabe für Patienten.
  5. Hoehl, S., Hellmer, K., Johansson, M. & Gredebäck, G. (2017). Itsy Bitsy Spider…: Infants React with Increased Arousal to Spiders and Snakes. Frontiers in Psychology, 8, 1710.
  6. Connolly, K. M., Olatunji, B. O. & Lohr, J. M. (2008). Evidence for disgust sensitivity mediating the sex differences found in blood-injection-injury phobia and spider phobia. Personality and Individual Differences, 44(4), 898–908.
  7. Vasey, M. W., Vilensky, M. R., Heath, J. H. et al. (2012). It was as big as my head, I swear! Biased spider size estimation in spider phobia. Journal of Anxiety Disorders, 26(1), 20–24.
  8. Öst, L.-G. (1996). One-session group treatment of spider phobia. Behaviour Research and Therapy, 34(9), 707–715.
  9. Miloff, A., Lindner, P., Dafgård, P. et al. (2019). Automated virtual reality exposure therapy for spider phobia vs. in-vivo one-session treatment: A randomized non-inferiority trial. Behaviour Research and Therapy, 118, 130–140.

Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine ärztliche oder psychotherapeutische Beratung.